Erst Anfang September hatte es gewaltig geknirscht bei VW – es ging um den Abbau von 50.000 Stellen und die Schließung von vier Werken, die der Unternehmensvorstand geplant hatte. Die Gewerkschaft IG Metall hatte sich zuvor kämpferisch gegeben. Und dann hatten in der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsrats sowohl die Vertreter des Landes Niedersachsen als auch zumindest Teile der Arbeitnehmervertretung den Sparplänen zugestimmt.
Heute gab es nun die nächste Hiobsbotschaft. Das Einknicken könnte die Beschäftigten noch teuer zu stehen kommen: VW hat einen Großteil der Tarifverträge gekündigt, auch den Manteltarifvertrag, der die grundlegenden Regelungen enthält. Von 13 derzeit bestehenden Verträgen wurden zehn gekündigt. Noch unangetastet ist der Zukunftstarifvertrag 2024, in dem eine Beschäftigungssicherung bis 2030 vereinbart wurde, wie immer gegen beträchtliche Gegenleistungen – dafür entfallen alle Tariferhöhungen von 2025 bis 2030 und die im Flächentarifvertrag vereinbarte Einmalzahlung von 600 Euro.
Auch diesmal sind die Töne aus der Gewerkschaft erst einmal scharf. "Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen", erklärte der niedersächsische IG-Metall-Chef Thorsten Gröger. Passend zum Auslaufen der Tarifverträge endet am 31.12. auch die Friedenspflicht.
Ob es aber wirklich zu einer Auseinandersetzung kommt, steht in den Sternen. Die Konflikte in der Automobilindustrie werden schärfer – gerade erst hatte Daimler-Benz mit Verweis auf mögliche Werkschließungen von den Beschäftigten eine Lohnsenkung gefordert. Das Nachgeben der Gewerkschaftsvertreter auf der Aufsichtsratssitzung scheint sich auf jeden Fall nicht auszuzahlen.
Allerdings hat die Gewerkschaft selbst wichtige Argumente aus der Hand gegeben. Nicht nur durch eine Anpassung beim "Klimaschutz", sondern auch durch ihr Schweigen zu den Ursachen der Energiekosten – die schließlich bedeutend zu den Problemen der deutschen Industrie beitragen. Selbst die Umwandlung einer Kfz-Produktion in Rüstungsproduktion, wie in Osnabrück geplant, wird von ihr mitgetragen; die Zeiten, in denen über Konversion von Rüstungs- in zivile Produktion diskutiert wurde, sind in der Metallergewerkschaft schon lange vorüber.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die erst am vergangenen Wochenende in Nürnberg bei der DGB-Kundgebung gegen Sozialabbau aufgetreten ist, verband die Krise im Automobilbau ebenso wenig mit Aufrüstung und Krieg wie die Angriffe auf die sozialen Standards. Das macht eine Abwehr schwierig; eine Last, die auch die Auseinandersetzung bei VW belasten dürfte.
Die Zustimmung der IG Metall zu den Sparplänen jedenfalls hatte die alternative Gewerkschaft Zentrum bereits sarkastisch kommentiert: "Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet". Für die Beschäftigten allerdings wird der Einsatz von Runde zu Runde höher.
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