G20-Außenministertreffen – Vor allem mit sich selbst beschäftigt

Auf dem Außenministertreffen der G20 dominieren Formfragen. Gemeinsames Foto ja oder nein? Das Gremium signalisiert damit vor allem eins: Handlungsunfähigkeit. Die Europäer zeigen, dass Diplomatie für sie bedeutet, nur mit jenen zu reden, mit denen man einer Meinung ist.

Derzeit tagen die Außenminister der G20 in Atlanta, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia. Das Treffen der G20-Außenminister, das unter dem Vorsitz von US-Außenminister Marco Rubio am 30. und 31. Oktober 2026 stattfindet, dient auch der Vorbereitung des Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs am 14. und 15. Dezember in Miami. Das aktuelle Treffen hat von Beginn an jedoch vor allem eines signalisiert: Handlungsunfähigkeit der Runde. Statt sich auf die eigentlichen Themen – Ukraine-Krieg, Energie, Lieferketten oder globale Spannungen – zu konzentrieren, kreisen die Debatten um Symbolfragen und diplomatische Formfehler. Das traditionelle "Familienfoto" der Minister wurde abgesagt, weil sich europäische Teilnehmer weigerten, sich gemeinsam mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow ablichten zu lassen.⁠

Die US-Gastgeber entschieden sich daher, das übliche Gruppenbild zu streichen, nachdem klar wurde, dass ein erheblicher Teil der Delegationen – Schätzungen sprechen von etwa einem Drittel – nicht bereit war, mit Lawrow zu posieren, und mit einem Auszug drohte. Rubio wollte verhindern, dass die Zeremonie zur Ablenkung von den Sachthemen oder zum Spektakel wird.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul hatte die Haltung der Europäer im Vorfeld formuliert: "Es wird in jedem Fall kein Familienfoto geben, auf dem unsere europäischen Partner gemeinsam mit Herrn Lawrow sind." Es gebe "keine Normalität mit Russland", und man dürfe "keine falschen optischen Signale" aussenden. Ähnlich äußerten sich unter anderem Polens Außenminister Radosław Sikorski und Vertreter weiterer europäischer Staaten sowie Australiens.

Gerade bei Wadephul wirkt die Absage paradox. Noch Ende September 2026 hatte er am Rande der UN-Generaldebatte in New York Lawrow zu einem bilateralen Gespräch getroffen – dem ersten direkten Außenministertreffen beider Länder seit Beginn der russischen militärischen Spezialoperation in der Ukraine im Februar 2022. Das Treffen kam auf Initiative der deutschen Seite zustande, dauerte rund 20 Minuten und endete mit einem Handschlag, der von Fotografen dokumentiert wurde. Wadephul hatte das Gespräch medienwirksam ausgeschlachtet und argumentierte damals, man müsse mit Gegnern verhandeln. Noch kurz vor dem Atlanta-Treffen hatte er selbst darauf hingewiesen, dass es bei dem New Yorker Termin selbstverständlich gemeinsame Fotos gegeben habe, und betont, entscheidend sei der Inhalt der Gespräche, nicht das Bild. In Atlanta drehte er dann bei und lehnte das Gruppenfoto ab.

Lawrow nahm Wadephuls widersprüchliches Verhalten zum Anlass für Spott. Er sprach von "Familienfoto-Diplomatie" und erinnerte daran, dass Wadephul vor einem Monat um das New Yorker Treffen gebeten habe, nun aber erklärt habe, er werde sich nicht fotografieren lassen. "Wenn es für sie vor allem darauf ankommt, wie sie auf einem Familienfoto wirken und wer neben ihnen steht, dann sagt das schon alles", so der russische Außenminister.

Parallel kritisierte Lawrow die Einladung Polens zum Treffen. Die USA, die derzeit die G20-Präsidentschaft innehaben, hatten Polens Außenminister Sikorski eingeladen und zudem vorgeschlagen, Polen zum ständigen Mitglied zu machen. Lawrow bezeichnete dies als Bruch mit diplomatischen Gepflogenheiten: Die G20 arbeite auf Konsensbasis. Nicht abgestimmte Einladungen neuer Teilnehmer verletzten diese Praxis. Polen trage "nichts" zum Treffen bei, seine Wirtschaft sei nicht groß genug, und die Region sei bereits durch NATO- und EU-Mitglieder ausreichend vertreten. "Die Amerikaner haben einfach den polnischen Minister eingeladen, er kam und setzte sich auf den Stuhl, der für ihn bereitgestellt wurde", so Lawrow. Zuvor hatten die USA Russland eingeladen – ebenfalls ohne breiten Konsens der übrigen Mitglieder. Vor allem die Europäer plädierten für einen dauerhaften Ausschluss Russlands von den G20-Treffen. Diplomatie bedeutet, sich nur mit denen zu treffen, mit denen man weitgehend einer Meinung ist – so die Haltung vor allem in den EU-Ländern, aber auch in Kanada und in Großbritannien.

Die Episode unterstreicht die Zerrissenheit der Runde. Während die USA unter Präsident Trump einen Teil der Sanktionen gegen Russland aussetzten und auf eine Ausweitung der wirtschaftlichen Kooperation nach Ende des Ukraine-Konflikts setzen, bestehen die Europäer auf klarer Distanz wegen des Ukraine-Kriegs. Ziel der Europäer ist es, eine Isolation Russlands zu signalisieren. Dies ist allerdings in den vergangenen fünf Jahren nicht gelungen. Im Gegenteil: Es sind die Europäer, die mit ihrer harten Haltung im Ukraine-Konflikt, die zu einer Verlängerung des Krieges führt, immer klarer erkennbar international isoliert sind.

Statt substanzieller Fortschritte dominieren symbolische Auseinandersetzungen und gegenseitige Vorwürfe über Formfehler. Die G20 signalisieren damit vor allem, wie sehr sie mit sich selbst beschäftigt sind – und wie wenig sie derzeit zu gemeinsamen Lösungen in der Lage erscheinen. Das eigentliche Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs folgt im Dezember in Miami.

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