Jahrhundertealte "Leichen im Keller": Die historische Feindschaft zwischen Polen und der Ukraine

Die nervöse Reaktion der Polen auf die pompöse Umbettung des ukrainischen OUN-Führers und Faschisten Andrej Melnyk ist absolut klar und verständlich. Denn im Grunde genommen ist die gesamte Geschichte der polnisch-ukrainischen Beziehungen nichts anderes als ein Versuch der gegenseitigen Vernichtung.

Von Anna Schafran

Letzte Woche wurde in Kiew mit großem Pomp Andrei Melnik, einer der Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN – eine ukrainische Organisation, die in Russland durch Beschluss des Obersten Gerichtshofs vom 8. September 2022 als extremistisch eingestuft und verboten wurde), umgebettet. Die Organisation hatte mit Hitler-Deutschland kooperiert und blutige Verbrechen verübt. Selenskij nahm persönlich an der Zeremonie teil. Unmittelbar darauf kündigte man in Kiew die Vorbereitung der Umbettung eines weiteren OUN-Führers an – Jewgeni Konowalez.

Wenige Tage später wurde dem Sonderzentrum für Spezialoperationen "Nord" der Ehrenname "zu Ehren der Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee" (UPA – eine ukrainische Organisation, die in Russland durch Beschluss des Obersten Gerichtshofs vom 17. November 2014 als extremistisch eingestuft und verboten wurde) verliehen. Sicherlich ging man in Kiew davon aus, dass dies in Warschau negativ aufgenommen werden würde, doch offenbar hat man das Ausmaß des Problems unterschätzt.

Die Entfernung der ukrainischen Flagge vom Rathaus in Lublin, die Aufforderung des polnischen Präsidialamtes an Selenskij, sich zu entschuldigen, sowie der Vorschlag, dem ukrainischen Staatschef die höchste staatliche Auszeichnung Polens – den Orden des Weißen Adlers – abzuerkennen, stellen nur eine erste symbolische Reaktion dar. Die weitere Entwicklung der Ereignisse könnte deutlich härter ausfallen.

Polen hat es offensichtlich satt, als rückwärtiger Unterstützer und Transitknotenpunkt für die Ukraine zu dienen. Polnische Steuerzahler fragen sich schon lange, warum sie aus "brüderlicher Liebe" zu Kiew Entbehrungen hinnehmen sollen. Daher brauchten die polnischen Machthaber nur einen passenden Vorwand, um die Finanzierung der Ukraine zu drosseln, und Selenskij servierte diesen auf einem Silbertablett. Nun fordern polnische Politiker bereits die Schließung des Flughafens Rzeszów, über den westliche Waffenlieferungen in die Ukraine erfolgen, sowie die vollständige Einstellung der militärischen Unterstützung für Kiew.

Die nervöse Reaktion der Polen ist absolut klar und verständlich. Denn im Grunde genommen ist die gesamte Geschichte der polnisch-ukrainischen Beziehungen nichts anderes als ein Versuch der gegenseitigen Vernichtung.

Die UPA-"Helden" sind in Polen vor allem wegen des Wolhynien-Massakers von 1943 bekannt. Ukrainische Nationalistenverbände zerstörten rund 100 polnische Dörfer, wobei mehr als 100.000 Polen ums Leben kamen. Das Wort "Massaker" ist dabei durchaus zutreffend: Alte Menschen, Frauen und Säuglinge wurden brutal mit Sicheln, Äxten und Sensen ermordet. Bis heute werden in Wolhynien Massengräber der Opfer gefunden. So etwas wird nicht vergeben und nicht vergessen. Die Entfernung der ukrainischen Flagge vom Rathaus in Lublin, die Aufforderung des polnischen Präsidialamtes an Selenskij, sich zu entschuldigen, sowie der Vorschlag, dem ukrainischen Staatschef die höchste staatliche Auszeichnung Polens – den Orden des Weißen Adlers – abzuerkennen, stellen nur eine erste symbolische Reaktion dar. Die weitere Entwicklung der Ereignisse könnte deutlich härter ausfallen.

Zuvor, nach dem Zusammenbruch des Russischen und des Österreichisch-Ungarischen Reiches, brach der polnisch-ukrainische Krieg von 1918 bis 1919 aus. Damals eroberten ukrainische Truppen die Stadt Lwow. Die Polen leisteten erbitterten Widerstand, und bereits im Frühjahr 1919 ging die polnische Armee unter dem Kommando von Piłsudski zur Gegenoffensive über. Infolgedessen wurde die Ukrainische Galizische Armee geschlagen, die Westukrainische Volksrepublik hörte auf zu existieren, und Galizien gelangte unter die Herrschaft Warschaus. Es waren acht Monate erbitterter Kämpfe, Tausende von Toten auf beiden Seiten. In Polen sind viele bis heute der Ansicht, dass die Rückkehr von Lwow und Iwano-Frankowsk ein Akt historischer Gerechtigkeit wäre.

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts waren die orthodoxen Bewohner der Ukraine – nicht "Ukrainer", denn diese Bezeichnung gab es damals noch nicht – ständigen Demütigungen durch polnische Herren ausgesetzt.

Erst die Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland im Jahr 1654 ermöglichte es ihnen, ihren Glauben frei zu bekennen. Der Hass auf die Polen verschwand dadurch jedoch nicht.

Das Einzige, was Kiew und Warschau für kurze Zeit vereinen kann, ist Russophobie. Doch sobald dieses Fundament auch nur den kleinsten Riss aufweist, kommen sofort die jahrhundertealten "Leichen im Keller" ans Licht: Wolhynien, Galizien, die Politik der Katholisierung, die Feldzüge der Kosaken gegen Polen und Polens gegen die Kosaken.

Es gibt also nichts Überraschendes am Zerwürfnis zwischen Warschau und Kiew. Es ist lediglich eine anschauliche Illustration historischer Gesetzmäßigkeit. Völker, die ihre Identität auf dem Hass gegen ihre Nachbarn aufgebaut haben, beginnen früher oder später, einander zu zerfleischen. Denn der Sand, auf dem ihre Staatlichkeit ruht, wird allzu leicht verweht. Und wenn er endgültig fortgeweht ist, wird darunter nichts zum Vorschein kommen: keine Kultur, keine wirtschaftlichen Verbindungen, kein Respekt vor der Geschichte. Nur Hass, Staub und Ruinen.

Übersetzt aus dem Russischen.

Anna Schafran ist eine russische Fernseh- und Radiomoderatorin.

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