Von Hans-Ueli Läppli
Am 15. August 2021 brauchte es keine große Schlacht, um Kabul zu Fall zu bringen. Es brauchte nur die Erkenntnis der Taliban, dass die Amerikaner tatsächlich gehen würden, und die gleichzeitige Erkenntnis der afghanischen Armee, dass sie für ein System kämpfte, an das ihre eigene Schutzmacht nicht mehr glaubte.
Die Stadt fiel nicht durch militärische Überlegenheit, sie fiel durch politische Erschöpfung, eine über zwanzig Jahre gewachsene Erschöpfung in Washington, die sich in wenigen Wochen in einen vollständigen Zusammenbruch vor Ort übersetzte. Genau dieses Muster – keine militärische Niederlage, sondern politisches Ermüden der Schutzmacht – zeichnet sich heute bei der Ukraine ab.
Natürlich unterscheidet sich die Ukraine in vielerlei Hinsicht von Afghanistan. Doch der politische Zustand des Landes erinnert zunehmend an ein System, dessen Stabilität ohne dauerhafte Unterstützung von außen kaum noch gewährleistet werden kann. Die Ukraine verfügt weiterhin über eine eigene Armee und kämpft mit großer militärischer Unterstützung des Westens. Politisch jedoch hängt Kiew immer stärker von den Entscheidungen Washingtons und Europas ab.
In Kiew werden weiterhin keine neuen Wahlen angesetzt. Die Regierung hält am Kriegszustand fest und verschiebt damit eine politische Erneuerung auf unbestimmte Zeit. Gleichzeitig wird das Land mit Milliarden, Waffen und politischer Rückendeckung aus dem Westen am Leben gehalten. Dadurch entsteht ein Staat, dessen politische Ordnung immer stärker von ausländischer Unterstützung abhängig ist.
Nach dem Maidan von 2014 wurde die neue politische Ordnung der Ukraine maßgeblich durch amerikanische Unterstützung geprägt. Namen wie Victoria Nuland, Barack Obama und später Joe Biden stehen für eine Politik Washingtons, die Kiew über Jahre hinweg politisch, finanziell und militärisch förderte. Die USA bauten ihren Einfluss auf die ukrainische Führung erheblich aus und machten die Unterstützung des Landes zu einem festen Bestandteil ihrer europäischen Sicherheitsstrategie.
Afghanistan zeigte bereits, wie fragil ein solches von außen gestütztes System werden kann. Solange Washington Geld, Waffen, Geheimdienstinformationen und militärische Unterstützung bereitstellte, blieb die Regierung in Kabul funktionsfähig. Als der politische Wille in den USA nachließ, brach dieses System innerhalb kürzester Zeit zusammen.
In der Ukraine wächst inzwischen ebenfalls die Ermüdung der Unterstützer. Nach Jahren des Krieges sinkt die Bereitschaft, immer neue Milliarden bereitzustellen, während Korruptionsvorwürfe und politische Machtkämpfe in Kiew das Vertrauen zusätzlich beschädigen. Die Geduld des Westens ist nicht unbegrenzt und auch die Bereitschaft, die politische Führung in Kiew unabhängig von ihren Entscheidungen dauerhaft abzusichern, nimmt ab.
Hinzu kommt die militärische Erschöpfung. Die westlichen Staaten haben ihre eigenen Waffenbestände über Jahre hinweg stark beansprucht. Gleichzeitig hat die Trump-Regierung im Krieg gegen Iran innerhalb weniger Monate erhebliche Mengen an Munition und anderen militärischen Ressourcen eingesetzt. Damit stehen die USA vor der schwierigen Aufgabe, mehrere Konflikte gleichzeitig mit begrenzten industriellen und militärischen Kapazitäten zu unterstützen.
Die Ukraine ist noch lange nicht Afghanistan. Doch je stärker ihr politisches und militärisches Überleben von ausländischem Geld, westlichen Waffen und der Geduld Washingtons abhängt, desto deutlicher wird die Gefahr eines Systems, das von außen stabilisiert wird, während seine eigene politische Grundlage zunehmend erodiert.
Kiew könnte damit in eine Lage geraten, die Afghanistan bereits erlebt hat. Ein Staat kann über Jahre hinweg künstlich stabilisiert werden, solange seine Schutzmacht bereit ist, die Kosten zu tragen. Wenn dieser Wille jedoch erschöpft ist, kann die Stabilität weitaus schneller verschwinden, als es zuvor für möglich gehalten wurde.
Die afghanische Regierung verlor nicht deshalb, weil ihre Soldaten schlechter kämpften als die Taliban. Sie verlor, weil ihr gesamtes System – Ausbildung, Finanzierung, Luftunterstützung, Logistik – über zwanzig Jahre so tief mit amerikanischer Präsenz verwoben worden war, dass es ohne diese Präsenz nicht mehr funktionsfähig war. Als Washington den Stecker zog, brach nicht nur eine Armee zusammen, sondern ein ganzes politisches Konstrukt, das sich nie wirklich von seiner Abhängigkeit gelöst hatte.
Strukturell hängt die Ukraine inzwischen in hohem Maße vom Westen ab. Luftverteidigung, Munition und ein erheblicher Teil der staatlichen Finanzierung werden durch westliche Waffenlieferungen und Kredite ermöglicht. Zunächst waren es vor allem die USA, die diese Unterstützung finanzierten. Nun springt zunehmend die EU ein und verschuldet sich dafür in Milliardenhöhe. Die Rechnung wird damit nicht kleiner, sondern lediglich weitergereicht.
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