Ein Bericht genügt, und schon ist Raiffeisen an der Börse auf der Anklagebank. Die Aktie der Raiffeisen Bank International verlor am Donnerstag zeitweise fast 9 Prozent. Auslöser war ein Bericht des US-Shortsellers Grizzly Research über das Russland-Geschäft der österreichischen Bank.
Grizzly behauptet, dass über Verträge mit dem Registrierungscode der russischen Raiffeisen-Tochter Handelsgeschäfte im Umfang von rund 1,19 Milliarden Dollar gelaufen seien. Ein Teil der Waren soll unter westliche Export- oder Importbeschränkungen gefallen sein.
Die Schlagzeile ist schnell gemacht. Die Beweise sind komplizierter. Denn aus einem Registrierungscode auf russischen Zolldokumenten folgt noch lange nicht, dass Raiffeisen selbst die betreffenden Waren gehandelt oder bewusst Sanktionen umgangen hat. Es ist auch nicht automatisch bewiesen, dass die Bank die Endverwendung der Waren kannte.
Genau das müsste nun geklärt werden. Nur dürfte bis dahin an der Börse längst etwas anderes passiert sein. Grizzly ist ein Shortseller. Das Unternehmen hält eine Short-Position in der RBI-Aktie und verdient Geld, wenn der Kurs fällt. Je heftiger der Kurssturz, desto besser das Geschäft.
Das ist keine Nebensache. Es ist der Kern der Geschichte. Ein Unternehmen veröffentlicht einen Bericht mit schweren Vorwürfen. Die Aktie stürzt. Der Shortseller profitiert. Ob die Anschuldigungen am Ende Bestand haben, entscheidet sich irgendwann später. Bis dahin kann der Schaden längst angerichtet sein.
Grizzly nennt eine Summe von 1,191 Milliarden Dollar und spricht von Waren, die unter westliche Sanktionen oder Exportkontrollen gefallen seien. Rund 106,75 Millionen Dollar sollen Güter betreffen, die auf der sogenannten Common High Priority List stehen. Das klingt gewaltig.
Doch die 1,19 Milliarden Dollar entsprechen laut Grizzly dem Zollwert von Waren, die mit Verträgen unter dem betreffenden Registrierungscode verbunden wurden. Das ist nicht dasselbe wie 1,19 Milliarden Dollar, die Raiffeisen selbst finanziert oder bewusst durch ein Sanktionsschlupfloch geschleust hätte.
Raiffeisen weist die Vorwürfe zurück. Die Bank spricht von sachlich falschen und irreführenden Aussagen und verweist auf ihre mehrfach geprüften Compliance-Systeme.
Damit stehen sich zwei Versionen gegenüber. Auf der einen Seite ein Shortseller mit einem direkten finanziellen Interesse an einem fallenden Aktienkurs. Auf der anderen Seite eine Bank, die bestreitet, die dargestellten Schlussfolgerungen zu bestätigen.
Was fehlt, ist eine unabhängige behördliche Feststellung. Bis dahin aber funktioniert der Mechanismus an den Finanzmärkten längst. Erst kommt die Schlagzeile. Dann kommt der Kurssturz. Danach kommen die Erklärungen. Und irgendwann vielleicht die Untersuchung.
Für Aktionäre ist die Reihenfolge denkbar ungünstig. Denn wenn sich Monate später herausstellt, dass einzelne Behauptungen überzogen oder falsch waren, bekommt niemand den ursprünglichen Aktienkurs zurück.
Raiffeisens Russland-Geschäft ist dabei ohnehin ein politisches Minenfeld. Die Bank ist weiterhin der größte westliche Finanzkonzern mit einem Geschäft in Russland und versucht seit Jahren, sich aus dem Land zurückzuziehen. Der vollständige Ausstieg ist bisher allerdings nicht gelungen.
Dabei zeigt gerade dieses Geschäft, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Europa nicht einfach per Knopfdruck verschwinden. Unternehmen handeln weiter. Rechnungen müssen bezahlt werden. Banken müssen Zahlungen abwickeln. Raiffeisen sitzt mitten in dieser Realität.
Neu ist das Vorgehen von Grizzly Research allerdings nicht. Der Shortseller hat bereits andere börsenkotierte Unternehmen mit Russland-Vorwürfen ins Visier genommen. Im Juni traf es den italienischen Reifenhersteller Pirelli. Grizzly behauptete unter anderem, Pirelli sei stärker vom Russland-Geschäft abhängig als gegenüber den Investoren dargestellt und stellte Verbindungen zur russischen Militärindustrie her. Pirelli wies die Vorwürfe entschieden zurück und erklärte, der Bericht entspreche nicht den Tatsachen.
Noch drastischer war der Effekt bei 2CRSi. Nach einem Grizzly-Bericht über den französischen Serverhersteller brach die Aktie am 18. Juni 2026 um 43 Prozent ein. 2CRSi bestritt die Vorwürfe und verwies darauf, dass Grizzly vor Veröffentlichung des Berichts eine Short-Position von 0,89 Prozent am Unternehmen hielt.
Nun steht Raiffeisen im Visier. Grizzly kann mit einem dramatischen Bericht den Kurs unter Druck setzen und verdient zugleich an fallenden Aktien.
Ob die Vorwürfe am Ende einer unabhängigen Prüfung standhalten, muss sich erst zeigen. Bis dahin kann die RBI-Aktie allerdings längst am Boden liegen. Und genau dort lässt sich mit einer Short-Position am meisten verdienen.
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