
Weltzeit: Schaltsekunde soll durch Schaltstunde ersetzt werden

Vertreter von 69 Ländern haben auf der 28. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) in Versailles eine Reform der koordinierten Weltzeit (UTC) beschlossen. Nun wird die zulässige Abweichung zwischen UTC und der astronomischen Zeit (UT1) auf maximal 3.600 Sekunden, also eine Stunde, erhöht. Zudem soll ab 20. Mai 2027 eine fortlaufende koordinierte Weltzeit gelten.

Bei der Zeitmessung gibt es zwei verschiedene Grundlagen: Die koordinierte Weltzeit (UTC) richtet sich nach Atomuhren, die Zeit mit hoher Genauigkeit messen, und die astronomische Zeit (UT1), die sich dagegen an der Drehung der Erde orientiert. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde kann sich aber durch natürliche Prozesse verändern. Gerade deshalb können sich diese Zeitangaben voneinander abweichen.
Bisher durfte die Differenz zwischen UTC und UT1 höchstens 0,9 Sekunden betragen, um beide Zeitskalen möglichst eng aufeinander abzustimmen. Wurde dieser Grenzwert erreicht, fügte man eine Schaltsekunde ein. Seit 1972 wurden insgesamt 27 solche Sekunden eingefügt, die bislang letzte Ende 2016. Doch nach Experteneinschätzung hat sich die Erde in jüngster Zeit ein bisschen schneller gedreht. Deshalb könnte erstmals nicht eine Sekunde hinzugefügt, sondern von der UTC abgezogen werden. Eine solche sogenannte Minus-Schaltsekunde hat es noch nie gegeben. Fachleute schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2035 eine negative Schaltsekunde erforderlich wird, bei etwa 30 Prozent.
Jegliches Hinzufügen oder Entfernen einer einzigen Sekunde könnte jedoch den Betrieb von Computersystemen, Telekommunikation, Stromnetzen und Satellitennavigation beeinträchtigen, da diese Systeme auf exakte Zeit angewiesen sind.
Die britische Zeitung Guardian berichtet unter Berufung auf Setnam Shemar, einen leitenden Wissenschaftler an der britischen Metrologieinstitut und Messtechniklabor (National Physical Laboratory, NPL), dass das Hinzufügen einer Sekunde zuvor bereits zu technischen Problemen geführt hatte: Nach der Zeitkorrektur 2012 gab es einige Computersysteme, deren Betriebssysteme mit einer Minute von 61 Sekunden nicht zurechtkamen. Die Server froren ein, reagierten nicht mehr und fielen aus. Shemar erklärte, das Entfernen einer Sekunde könne noch riskanter sein, da ein Teil der Software nie auf den Umgang mit einer negativen Schaltsekunde getestet worden sei.
Dies ist einer der Gründe, warum die CGPM sich für die Reform entschlossen hat: Künftig darf die Koordinierte Weltzeit um bis zu eine Stunde von der astronomischen Zeit abweichen. Mit dieser Reform will die CGPM die Stabilität der Zeitmessung erhöhen und das Risiko technischer Störungen verringern. Fachleuten zufolge dürfte es noch sehr lange dauern, bis eine Korrektur um eine volle Stunde erforderlich wird. Nach Einschätzung von Experten ist dies möglicherweise erst in mehreren Jahrhunderten der Fall.
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