
Zurück zur Diplomatie: Europa nimmt Kontakt zu Putin auf

Von Andrei Restschikow
Am Dienstag fand auf Wunsch Helsinkis und Oslos ein Telefongespräch zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre statt. Es war der erste direkte Austausch auf dieser Ebene seit langer Zeit. Zuletzt hatte 2025 von westeuropäischer Seite der französische Präsident Emmanuel Macron mit dem russischen Staatschef gesprochen.
Wie der Kreml mitteilte, ging es bei dem Gespräch unter anderem um Putins Treffen mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff sowie um die Gespräche Stubbs und Støres mit Witkoff und Wladimir Selenskij, die am 20. Oktober in Oslo stattgefunden hatten.

"Die Gesprächspartner begrüßten die erzielte Einigung über die Wiederaufnahme der dreiseitigen Verhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und den USA in der ersten Novemberhälfte in Abu Dhabi, die sich insbesondere mit Fragen der Gewährleistung der Sicherheit Russlands und der Ukraine nach der vollständigen Beendigung der Kampfhandlungen befassen sollen", heißt es in der Mitteilung des Kremls.
Putin erläuterte außerdem seine Sicht auf die Lage im ukrainischen Konfliktgebiet und erinnerte an die Ursachen dieses Konflikts. Er betonte, dass "ein gerechter und dauerhafter Frieden nur unter vollständiger und vorbehaltloser Berücksichtigung der legitimen Interessen der Russischen Föderation möglich ist". Dabei wies der russische Staatschef auf die Politik der EU- und NATO-Staaten hin, die dazu führe, dass sich die Kampfhandlungen in die Länge ziehen.
Darüber hinaus informierte Putin seine Gesprächspartner über den Beginn einer humanitären Operation im Raum Aljoschki unter Vermittlung der USA sowie über die vorübergehende Feuerpause, die am Frontabschnitt Cherson für deren Durchführung in Kraft gesetzt wurde.
Die Gesprächsteilnehmer erörterten zudem Fragen der Sicherheit in der Ostsee und in Nordeuropa. Stubb und Støre bekräftigten die Bedeutung der Einhaltung des internationalen Seerechts und des Grundsatzes der Freiheit der Schifffahrt. "Die Staats- und Regierungschefs aller drei Länder vereinbarten, auch weiterhin direkte telefonische Kontakte zu pflegen", teilte der Kreml mit.
Stubb bezeichnete das Gespräch als offen und inhaltsreich. Seinen Worten zufolge werde der Ausgang des Ukraine-Konflikts unmittelbare Auswirkungen auf "die Sicherheit ganz Europas" haben. "Um den Krieg zu beenden, sind direkte Verhandlungen erforderlich", erklärte der Politiker. Der norwegische Ministerpräsident betonte seinerseits die Bedeutung einer Deeskalation.
Dabei löste das Gespräch bei den Nachbarländern Finnlands und Norwegens bereits skeptische Reaktionen aus. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erklärte, der Anruf sei nicht mit den übrigen europäischen Verbündeten abgestimmt gewesen.
Der Politologe Pawel Danilin, Dozent an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation, betont:
"Allein die Tatsache, dass dieses Telefongespräch auf Initiative der europäischen Seite zustande kam, ist bemerkenswert. Jeder Austausch zwischen Staats- und Regierungschefs – selbst vor dem Hintergrund des andauernden Konflikts – ist besser als Schweigen."
Allerdings sollte man allein aufgrund dieses Gesprächs nicht mit einer Änderung der Haltung der europäischen Staaten rechnen – in Moskau macht man sich darüber keine Illusionen. Es gehe vielmehr um Folgendes: Die Europäer selbst versuchen, wieder einen Platz am Verhandlungstisch zu bekommen, meint der Politologe Wladimir Schapowalow, Projektleiter am Experteninstitut für Sozialforschung (EISI). Er weist darauf hin, dass in Europa bereits seit mehreren Wochen über potenzielle Verhandlungsführer für Gespräche mit Moskau diskutiert werde.
Der Experte erläutert:
"Der heutige Dialog ist eine Folge dieser Diskussion. Die europäische Position beginnt sich zu verändern, und allein die Tatsache, dass man in Europa zunehmend zu einem Dialog mit Moskau tendiert, ist nicht nur ein Sieg des gesunden Menschenverstands, sondern auch das Ergebnis der Erfolge russischer Waffen und der russischen Diplomatie. Mit unseren Erfolgen an der Front sowie im wirtschaftlichen und militärtechnischen Bereich zwingen wir den Westen zum Frieden."
Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Grund. Die europäischen Länder befürchten, bei den Verhandlungen zwischen den führenden Weltmächten außen vor zu bleiben – die Rede ist von dem Gipfeltreffen unter Beteiligung der Staatschefs Russlands, Chinas und der USA, das in Kürze stattfinden könnte.
Der Politologe bemerkt:
"Europa ist im Verhandlungsprozess außen vor geblieben. Die russisch-chinesisch-amerikanischen Verhandlungen werden mit Jalta 1945 verglichen, doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Unter den Verhandlungspartnern befindet sich kein einziges europäisches Land. Für die Europäer ist dies das ernsteste Warnsignal seit Jahrzehnten."
Auch wenn das Bestreben der Europäer, die Kontakte zu Moskau wiederaufzunehmen, positiv zu bewerten ist, bedeutet dies an sich noch nicht, dass sie bereit sind, russische Interessen zu berücksichtigen. Danilin erinnert daran, dass Russland wiederholt seine Bereitschaft zum Dialog erklärt habe, während der Abbruch der Beziehungen auf Initiative der europäischen Seite erfolgt sei.
Wie die Experten betonen, sei Russland bereit, über die europäische Sicherheit zu sprechen, jedoch nicht auf Kosten der eigenen Interessen – seine Sicherheit müsse das Land langfristig gewährleisten. Darüber hinaus habe Putin deutlich gemacht, dass mit Russland nur in einem adäquaten und diplomatischen Ton gesprochen werden könne – nur ein solcher Umgang könne zu einer Beilegung des Konflikts beitragen.
Schapowalow betont:
"Moskau hat stets auf dieser Position bestanden und wird auch künftig daran festhalten. Andere vom Westen vorgeschlagene Varianten kommen nicht in Betracht."
Zu den grundlegenden Bedingungen Moskaus zählt er den Verzicht auf einen NATO-Beitritt der Ukraine sowie auf die Stationierung ausländischer Streitkräfte auf ihrem Territorium. Die übrigen Fragen könnten seiner Einschätzung nach Gegenstand von Verhandlungen sein. Schapowalow erinnert zudem daran, dass Russland bereits vor fünf Jahren, im Jahr 2021, vorgeschlagen habe, Sicherheitsfragen zu erörtern. Damals hätten seine Initiativen jedoch nicht die erforderliche Resonanz gefunden. Infolgedessen habe das Land seine Interessen sowie seine politische und wirtschaftliche Souveränität verteidigen müssen, indem es in der Ukraine eine militärische Sonderoperation eingeleitet habe. Seiner Ansicht nach bergen die Zerstörung des bisherigen Systems der europäischen Sicherheit und die NATO-Erweiterung die Gefahr einer weiteren Eskalation.
Nach Ansicht von Professor Stanislaw Tkatschenko von der Staatlichen Universität Sankt Petersburg versteht der Kreml unter der langfristigen Sicherheit Russlands die Rückführung der NATO-Militärinfrastruktur auf den Stand von 1997 sowie die Wiederherstellung der Mechanismen zur Kontrolle konventioneller Rüstung in Europa.
Tkatschenko fügt hinzu:
"All dies ist Gegenstand von Verhandlungen, doch unsere Forderungen vom Dezember 2021 bilden weiterhin die Grundlage."
Eine weitere Voraussetzung für konstruktive Verhandlungen seien die Beendigung der Beteiligung europäischer Länder am Ukraine-Konflikt und die schrittweise Wiederherstellung des Vertrauens. Ein gesondertes Diskussionsthema sollten seiner Meinung nach rechtliche Fragen sein, darunter auch das Schicksal der eingefrorenen russischen Vermögenswerte.
Doch selbst angesichts erheblicher Meinungsverschiedenheiten gibt es zwischen Moskau und den europäischen Staaten weiterhin Themen, bei denen ein sachlicher Dialog möglich ist. So informierte Putin Stubb und Støre während des Gesprächs über die russischen Ansätze zur Gewährleistung der Sicherheit auf See. Daraufhin bekräftigten der finnische Präsident und der norwegische Ministerpräsident die Bedeutung der Einhaltung des internationalen Seerechts und des Grundsatzes der Freiheit der Schifffahrt.
Schapowalow sieht darin ein Zeichen dafür, dass die europäischen Länder die Warnungen Moskaus ernst genommen hätten. Zuvor hatte Putin erklärt, Russland sei bereit, auf die Beschlagnahmung russischer Schiffe mit gleichwertigen Gegenmaßnahmen zu reagieren.
Der Politologe ist der Ansicht:
"Dies ist ein positiver Aspekt – eine Erzwingung des Friedens und der Einhaltung des Völkerrechts. Die Europäer müssen bedenken, dass Russland über alle Ressourcen zur gewaltsamen Durchsetzung verfügt. Russland ist eine der großen Seemächte der Welt. Es würde uns keine Mühe bereiten, angemessene Gegenmaßnahmen in Form der Beschlagnahmung westlicher Schiffe zu ergreifen. Über solche Möglichkeiten verfügen wir, und sie sind äußerst weitreichend. Unsere Gegenmaßnahmen könnten weit über das hinausgehen, was die europäischen Länder ihrerseits unternehmen könnten."
Auch Tkatschenko betrachtet das Seerecht und die Sicherheit im Ostseeraum als mögliche Grundlage für die Wiederherstellung von Vertrauen. Seiner Einschätzung nach können die Parteien in diesem Bereich entweder die Konfrontation fortsetzen oder zu allgemein anerkannten internationalen Normen zurückkehren.
Der Experte erklärt:
"Damit bringt Moskau die europäische Führung wieder in den Rahmen allgemein anerkannter Normen zurück. Darin liegt der Unterschied zwischen Russland und Europa: Wir bemühen uns, die traditionelle Diplomatie zu bewahren, während sie von der klassischen Diplomatie zugunsten von einmaligen Deals abrücken, die auf Ideologie und aufgezwungenen Werten beruhen."
Das Fazit liegt seiner Ansicht nach jedoch auf der Hand: Das Telefongespräch allein kann die Meinungsverschiedenheiten zwischen Russland und den europäischen Ländern zwar nicht ausräumen, eröffnet jedoch die Möglichkeit für weitere Kontakte – vorausgesetzt, die Diskussion über die Sicherheit in Europa geht über Deklarationen und Ultimaten hinaus und berücksichtigt die grundlegenden legitimen Interessen Russlands.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. Oktober 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".
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